Auf der Spur von Mensch und Tier – Schritt für Schritt.

Frank Zucht: Kompositionen und Verdichtungen von Figuren und Farben – Überraschungseffekte inklusive.

Ich entwickle die Malerei aus Farbflecken und -spuren, so dass von einer ungeordneten Struktur eine Verdichtung hin zur figürlichen Komposition entsteht. Die Wendungen, die dem Bild während dieses Prozesses widerfahren, sind spannende Momente, die weder von mir gesteuert noch absichtsvoll erarbeitet werden können. Das in vielen Fällen die auf der Leinwand hinterlassenen Spuren meinen Vorstellungen zuwider laufen, ist dabei fester Bestandteil und Antrieb.
Die großen Momente sind dabei jene, in denen das Bild seinen eigenen Weg nimmt und ich am Ende selbst überrascht bin. In diesem Fall sind Vollzug und Reflexion einen ungetrübten Dialog eingegangen.

Frank Zucht

Filmstill aus dem Film Die innere Sicht von Thomas Schuhmacher, Deutschland 2013

Wolfgang Voigt, Berlin 1995

Hund aufstrebend, 1993, Acryl auf Papier auf Stoff, 420 x 135 cm

Drei Banner schweben freihängend in der Fabrikhalle –”Hund aufstrebend”, “Hirsch stürzend” und “Pferd aufbäumend”. Schon diese Titel machen die optische Auffassung deutlich: Vertikalbewegungen sind es, in denen die Tiere ganz entgegen ihrer üblichen Lebensgewohnheiten gezeigt werden.

Doch die scheinbar um 90 Grad verkehrte Anschauung ist Programm des Künstlers Frank Zucht.

Umwandlungsprozesse, geschichtliche Veränderungen und künstlerische Wandlungen sind es, die er in seinen emporwachsenden und abstürzenden Tieren anspricht. Chiffrenhaft verknappt sind dabei kleine Botschaften, von denen die riesenhaften Banner leben. Wie eine Last an Erfahrungen und kulturellem Erbe trägt der aufstrebende Hund eine abstrakte Bürde auf dem Rücken. Ähnliche geometrische Formen sind unterhalb seines Leibes zu erkennen. Den Brüsten des Wolfes in den antiken Romulus und Remus – Darstellungen nicht unähnlich, steht die sonderbare organische Erweiterung des Tieres für all das, was später kommt.

Wolfgang Voigt, 1995, Zwischenzeit – Positionen junger Kunst in Berlin, Arena Berlin. Hrsg. Martin Mertens

Dr. Christiane Schwarz, Berlin 1996

Vogel vor Rot, 2002, Acryl auf Nessel, 70 x 100 cm

Lebewesen und Naturprozesse auf der einen, der Mensch und kulturelle Prozesse auf der anderen Seite, unlöslich miteinander verbunden, voneinander abhängig. Mögliche Parallelen und Widersprüche ihrer Entwicklung bilden wichtige Themen des Schaffens von Frank Zucht.

Dr. Christiane Schwarz, Navigation, Katalog zur Ausstellung im D.B.C. Druckhaus Berlin – Centrum, 1996

Dr. Katerina Vatsella, Bremen 1998

Eule, 2004, Acryl auf Nessel, 100 x 140 cm

Seine als reale Figuren oder als phantastische Mischwesen erscheinenden Gestalten – immer Bilder des Innen, die im Außen, auf dem Bild, Gestalt annehmen – stehen im Bildgeviert wie auf einer kleinen Bühne, besser: wie in großen Guckkästen, vor neutralem, abstraktem Farbgrund, der besonders malerisch gestaltet ist. Mit differenzierten malerischen und zeichnerischen Mitteln schafft Frank Zucht gekonnt und mit großem Ideenreichtum eine eigene verzauberte Bilderwelt aus natürlichen und erfundenen Formen. Diese Formen befinden sich in stiller Bewegung und stetem Wandel, scheinen mit sich selbst und miteinander zu ringen und bringen dabei eine Vielfalt von phantasievollen und ornamentalen Gestalten hervor.

Dr. Katerina Vatsella, Ausstellungskatalog zur Ausstellung Frank Zucht – Nicholas Bodde, Sparkassenhalle am Brill,
Bremen 1998

Carina Hering, Braunschweig 2001

Verborgener Garten, 2002, Acryl auf Nessel, 120 x 140 cm

So unvermittelt die verschiedenen Figuren auftauchen, so schnell können sie aber auch wieder in den Fluss der frei gesetzten Linien zurückgewiesen werden.

Sie führen ein irritierendes Doppelleben als reines Gebilde der Malerei und als selbstständige Figur – und schlagen plötzlich wieder von der Figur zurück in die Farbmaterie.

Carina Hering anlässlich der Eröffnungsrede der Ausstellung Frank Zucht – Malerei,
Öffentlichen Versicherung, Braunschweig, 2001

Cornelia Kolb-Wieczorek, Hohenems 2003, AUT

Mit vereintem Blick, 2009, Acryl auf Nessel, 60 x 80 cm

Die Bildfindungen von Frank Zucht haben vielfach etwas Archaisches.
Sind die Bilder des Malers der Versuch, sich der eigenen Geschichtlichkeit bewusst zu werden?

Der Tatsache auch, dass der Mensch noch immer Spuren der Urmythen in sich trägt, die ihm nicht immer bewusst sind, die aber noch immer Einfluss haben auf seine seelischen Strukturen?

Cornelia Kolb-Wieczorek, Allianz von Wort und Bild in Scheitelstunde, Hohenems, 2003

Prof. Jost Funke, Bremen 2003

Der Disput, 2009, Acryl auf Nessel, 160 x 90 cm

Zucht schafft Bildmetaphern, die grundsätzlich polyvalent bleiben, sich nicht mit einem einfachen Satz beschreiben lassen.

Prof. Jost Funke, Ut Pictura Poesis... in Scheitelstunde, Hohenems, 2003

Volkhard Böhm, Berlin 2005

Fischträger, 2013, Siebdruck auf Edelstahl, 80 x 80 cm, mit Sockel, 185 x 90 cm

Zucht spielt auf die evolutionäre Entwicklung des Menschen an.
Mensch und Tier sind aufs engste verbunden.
Der Mensch trägt diese evolutionäre Entwicklung immer mit sich.
Seine Bilder sind ein nachhaltiges Plädoyer, sich dessen immer bewusst zu sein.
Die Formen mit realistischen Anklängen kommen aus einem abstrakten Denkansatz, wobei die gefundene Form aus dem Gegenständlichen abgeleitet wird.
Beide Gestaltungsprinzipien vereinigen sich in seinem Werk.

Volkhard Böhm, Mythos Mensch anlässlich der Eröffnungsrede der Ausstellung
Mythos Mensch, Galerie Carlshorst, Berlin 2005

Norbert Tefelski, Berlin 2011

Umschlungen, 2016, Siebdruck auf Schlagmetall auf M.D.F.,
81 x 23 x 10 cm, mit Sockel 191 x 39 x 10 cm

„Er schleppt wohl archaisch Arksinn von Pol zu Pol.“

„Lässt schleppen und schlappe Schleppen schwanzoid schleifen.“

„Lässt natterbissig Natur ihren Lauf.“

„Einzig brunftbegabt? Nimmermehr! Vernunftzünftig Wesen

versichern sich werter Gefährten.“

„Mitunter verkehrter Gefährte wohl auch.“

„Kann’s der Gaul ändern, wenn man richtigrum auf ihm sitzt?“

„Richtigrummigkeit ist Übereinkunft.“

 

Norbert Tefelski, Zucht umsinnter Dialog, Berlin 2011

Corona Unger, Bremen 2015

Bergkette, 2014, Acryl auf Nessel, 80 x 100 cm

Frank Zuchts Gemälde sind in ihren Bildthemen offen gehalten.
Durch das Sfumato der Darstellungen und das Aufbrechen der motivischen Eindeutigkeit erhalten sie das Potential, sich mit der Erinnerung und Imagination des Betrachters zu verbinden. Auf diese Weise führt Frank Zuchts Malerei von Außen, von der gegenständlichen, greifbaren Welt, in den immateriellen Bereich des Psychologischen und Geistigen. Solche zunächst idyllischen, aber auch bedrohlich zwischen Nebelschleiern und den Untiefen des Meeres aufgeladenen Erscheinungen wandeln Frank Zuchts Gemälde zu Epiphanien realer Bilder, Träume und Fantasien.

Corona Unger, Unter weitem Himmel – Zur Landschaftsmalerei von Frank Zucht.
In Hinter dichten Wolkenfeldern. Publikation anlässlich der Ausstellung in der Galerie und Kunstkabinett Corona Unger. Berlin, 2015

Prof. Michael Mayer, Trieste 2016, ITA

Flugstunde Umschlungen, Eule (Nachtseite), Eule (Tagseite), 2016, Siebdruck auf Schlagmetall auf M.D.F., 166 x 39 x 10 cm, 191 x 39 x 16 cm,160, x 23 x 10 cm, 160 x 23 x 10 cm.

Von irgendwoher sind sie gekommen, diese Fabelwesen, und irgendwohin scheinen sie alle unterwegs zu sein. Doch wissen wir es nicht. Eine gewisse Unrast mag sie befallen haben, doch ihren Grund kennen wir nicht. Sie befinden sich auf der Schwelle von hier nach da und sind zugleich selbst Wesen der Schwelle, des Übergangs. Als hätte der Künstler sie im jähen Augenblick ihrer Metamorphose vom Tier zum Menschen, vom Menschen zum Tier überrascht und sorgsam festgehalten. Doch kein Zauberwort, kein ‚Mutabor‘ – wie im Märchen vom „Kalifen Storch“ – vollendet die Verwandlung, indem sie den in fremder Form Gefangenen endlich erlöst. Was hier, in den Plastiken Frank Zuchts Gestalt angenommen hat, ist die Verwandlung als Akt, die Verwandlung-im-Stillstand. Als wäre sie selbst die Erlösung.

Prof. Michael Mayer, Mare nostrum, anlässlich der Eröffnungsrede der Ausstellung
Il Mare incontra il Cielo, Chiesa Evangelica Luterana di Trieste, ( ITA) 2016

Dr. Hartmut Schröter, Stuttgart 2017

Frank Zucht tränkt zunächst große Leinwände mit unterschiedlichen Farbgüssen und schneidet sich dann aus dem diffusen Gemenge geeignete Bildsegmente heraus. Die Formen und Gestalten bilden sich aus und auf diesen undefinierten Farbzonen.  Auch wenn sie den Farbgrund eingrenzen, bereichsweise überdecken oder tilgen, blühen untergründige Farbstrukturen hervor und überwuchern, perforieren, verschmutzen, verwittern, aber beleben auch die rätselhaften Gestalten. Das grenzenlos Unbestimmte und Unbeherrschbare ist Ursprungsdimension der Formprozesse und bleibt in ihnen lebendig. Es löst das Geformte auch wieder auf in der Lebenswirklichkeit wie in der Kunst.  

Dr. Hartmut Schröter in Von Windwuchswesen und Nebenflussfiguren,

Ausstellungskatalog anlässlich der Ausstellung in der Südwestbank Stuttgart